Festspielhaus zu Füßen des Posttowers

Die Stadt Bonn will ein Festspielhaus im Grünen errichten, direkt am Rande der Rheinaue. Allerdings stellen sich im Zusammenhang mit den Plänen von Politik und Verwaltung noch einige Fragen, etwa zur Finanzierung.

Auf der Anhöhe am Rand der Bonner Rheinaue hat der Spaziergänger eine gute Rundumsicht über die Umgebung. In südlicher Richtung lugen zwischen den kahlen Bäumen die Höhen des Siebengebirges hindurch. Nach Osten schweift der Blick über den Weiher des Parks und den Rhein hinweg. Nördlich die architektonischen Landmarken der Bundesstadt: der Posttower und der Lange Eugen. Geht es nach Verwaltung und Rat der Stadt, wird Bonn an diesem Platz mit der Adresse Charles-de-Gaulle-Straße 53 in nicht allzu ferner Zukunft eine weitere Perle der Baukunst erhalten.

Auf dem Gelände, auf dem seit gut 30 Jahren ein Ausflugslokal steht, soll das neue Festspielhaus entstehen - Nachfolger für die in die Jahre gekommene Beethovenhalle. So hat es der Stadtrat Ende November beschlossen - und beendete die seit Jahren anhaltende Debatte um Abbruch oder Sanierung der Beethovenhalle. Vorerst jedenfalls.

Gleichwohl stellen sich im Zusammenhang mit den Plänen viele Fragen. Etwa zur Finanzierung: Bis Mitte 2012 soll das Geld für das Konzerthaus zusammen sein, der Bau komplett privat finanziert werden. Bisher hat die Deutsche Post AG 30 Millionen Euro zugesagt, die Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg will weitere 25 Millionen unter vermögenden Bürgern und spendierfreudigen Firmen in Bonn und im Umland organisieren. Macht zusammen im besten Fall 55 Millionen Euro. Die Baukosten liegen jedoch weit höher. Ursprünglich, also etwa 2007, als die Debatte um einen Konzerthaus -Neubau an Fahrt aufnahm, war von 75 Millionen Euro die Rede. Doch das ist vier Jahre her. OB Nimptsch spricht inzwischen von „85 bis 90 Millionen Euro".

Dirk Klasen, Sprecher des Sponsors Post AG in Sachen Festspielhaus, will sich nicht festlegen. Die Größenordnung von 75 Millionen Euro „und vielleicht ein bisschen drüber" habe Gültigkeit. Aber womöglich seien Umplanungen der Architekten nötig für den neuen Standort. „Das kostet natürlich auch." Nur eines steht aus Sicht des Unternehmens fest: „Wir brauchen als Weltmarktführer in unserer Branche Weltklasse, architektonisch wie akustisch. Für etwas anderes stehen wir nicht zur Verfügung. Wir brauchen keine Mittelklasse oder Provinz." Die Stadtverwaltung ist „in Absprache mit den Partnern" national wie international intensiv auf der Suche nach weiteren Geldgebern. Sie will das Projekt unbedingt. Denn, so Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD): „Beethoven schafft Arbeitsplätze."

Der Hauptsponsor sieht sich freilich nicht in der Pflicht. „Die Sponsorensuche ist in erster Linie Sache der Stadt", sagt Post-Sprecher Klasen. Auch mit der gemeinsamen, dem Bauvorhaben zugrundeliegenden Philosophie scheint es noch ein wenig zu hapern. Wo die städtische Pressesprecherin Monika Hörig betont, das neue Festspielhaus sei „kein Projekt der Stadt Bonn (definiert als Rat und Verwaltung, Red.), sondern aller Beteiligten", hält sich die Post AG als Hauptsponsor im öffentlichen Werben bislang zurück. Klasen verweist darauf, dass der Vorschlag für einen Neubau „aus der Bonner Bevölkerung" gekommen sei. „Es war nicht der ausdrückliche Wunsch der Post AG, ein Festspielhaus in Bonn zu haben."
Dazu passt, dass das Unternehmen im Internet auch gut einen Monat nach dem Ratsbeschluss, der das Festspielhaus der Post AG immerhin gewissermaßen zu Füßen legt, nichts Aktuelles zu dem Projekt zu sagen hat. Es finden sich nur veraltete Stellungnahmen aus der Zeit, als Post, Telekom und Postbank noch als Sponsorentrio 75 Millionen Euro bereitstellen wollten. Die Postbank ist inzwischen abgesprungen. Die Telekom hat ihre Sponsoring-Überlegungen auf den Betrieb des neuen Festspielhauses verlagert. Die Post AG will nun warten, bis die Stadt Bonn ihr kulturelles Gesamtkonzept vorlegt. Das will Kulturdezernent Martin Schumacher nach der Sommerpause 2012 den politischen Gremien präsentieren. Gut möglich, dass der Festspielhaus -Neubau in der Rheinaue, den nur eine 130 Meter lange Fußgängerbrücke vom Posttower trennen würde, dann schon wieder in der Schublade verschwunden ist, weil das Geld für den Bau nicht aufgetrieben werden konnte.

Auch was genau eigentlich im ehemaligen Regierungsviertel gebaut werden könnte, ist noch offen. 2009 ging ein von der Post AG gesteuerter internationaler Architektenwettbewerb mit zwei Entwürfen in die Schlussrunde. Die aus dem Irak stammende Zaha Muhammad Hadid will in Bonn einen „Diamant" genannten Bau errichten. Das Wasser des Rheins greifen die luxemburgischschweizerischen Architekten Hermann & Valentiny mit ihrer „Welle" auf. Beide sehen einen großen Saal für 1500 Zuhörer und einen kleinen für 500 Besucher vor.

Die Architekturbüros lieferten ihre Entwürfe jedoch nicht für den Bauplatz in der Rheinaue, etwa 300 Meter vom Ufer des Stroms entfernt, sondern für den Standort der alten Beethovenhalle am nördlichen Rand des Bonner Zentrums direkt am Rhein. Die alte Halle hätte abgerissen werden müssen, um für „Diamant" oder „Welle" Platz zu machen. Das jedoch gefiel weder Denkmalschützern und Architekturexperten noch zwei Initiativen, die sich an der Bonner Uni und in der Bürgerschaft bildeten. Sie wollten die Beethovenhalle nicht einem Neubau zum Opfer fallen lassen.
Die von Studenten gegründete „Initiative Beethovenhalle" erhielt für „ihren beispielgebenden und fantasievollen Einsatz zur Rettung eines Baus von
zweifelsfrei überregionaler Bedeutung" im Jahr 2010 sogar den Preis des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz.

Constanze Moneke, eine der Sprecherinnen der Initiative, betont, dass sie und ihre Mitstreiter „nie gegen den Bau eines Festspielhauses" gewesen seien. „Wir haben uns für den Erhalt der Beethovenhalle eingesetzt." Das scheint definitiv gelungen. Der neue Standort liegt nun gut dreieinhalb Kilometer stromaufwärts. Dort, wo der UN Campus mit dem Konferenzzentrum und die Deutsche Welle ihren Sitz haben, wo es Zehntausende von Büroarbeitsplätzen, aber kaum Wohnbebauung, wenig Gastronomie und keinen Einzelhandel gibt,entsteht „Bonns neues Zentrum". So sieht es Stadtbaurat Werner Wingenfeld: „Wenn wir diesen Standort entwickeln, schaffen wir ein Highlight, dass der Bedeutung als kultureller Standort gerecht wird." In sechs Monaten werden die Bonner wissen, ob's etwas wird mit dem Konzerthaus im Grünen. Wenn nicht, könnten sie sich darauf besinnen, dass die alte, von Siegfried Wolske errichtete Beethovenhalle auch Entwicklungspotenzial hat, wie Constanze Moneke betont. Die Aussage ihrer Gegner, die Halle sei „marode", lässt sie nicht gelten. „Das ist nirgendwo belegt." Auch gebe es bislang kein Gutachten, das eine Gesamtsanierung des 1959 fertiggestellten Baus betrachtet. Kein Gutachten, keine realistische Kostenschätzung für die Sanierung. Kunsthistorikerin Moneke wirbt: „Die Beethovenhalle ist ein Wert, mit dem man wuchern kann. Aber dafür muss man etwas tun."

Kölner Stadtanzeiger, 5. Januar 2012 (von Peter Seidel)

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